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Jahmai Simpson-Pusey: Far away from home
Das Leben als Leihspieler ist nicht leicht, aber für viele junge Spieler die einzige Chance, sich auf Profilevel zu beweisen. Im GeißbockEcho sprach FC-Verteidiger Jahmai Simpson-Pusey über Mut, Verzicht und den Traum, sich fernab der Heimat durchzusetzen.
Plötzlich stand er auf dem Feld. Im Schneegestöber von Heidenheim. Mit dem Geißbock auf der Brust. Jahmai Simpson-Pusey war erst eine Woche Spieler des 1. FC Köln, übernahm aber sofort Verantwortung und baute das Spiel des 1. FC Köln in seiner gewohnt ruhigen Spielweise von hinten auf. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte rückte der Verteidiger bei einem Eckball auf, stieg hoch und erzielte um Haaresbreite gleich seinen ersten Treffer. Es wäre der perfekte Einstand gewesen. „Ich dachte, der Ball geht rein. Dann kam der Torwart doch noch dran“, ließ der junge Engländer die Situation Revue passieren. „Es war ein verrückter Tag. Zum ersten Mal in meiner Karriere habe ich im Schnee gespielt.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch kein einziges Mal am Geißbockheim trainiert. Der 20-Jährige war sofort ins Trainingslager nach Spanien nachgereist, wo sich die FC-Profis in der Winterpause auf die restliche Saison vorbereitet hatten. In Köln wohnte er zunächst im Hotel, bis er mit seiner Partnerin in eine Wohnung ziehen konnte. Die neu bezogene Wohnung ist noch nicht besonders eingerichtet. Der Wohnbereich ist einzig mit einem grauen Sofa und einem hölzernden Esstisch ausgestattet. Auf der Kochinsel in der offenen Küche liegen lediglich zwei Avocados. „Wir wollen versuchen, häufiger zu kochen und weniger außerhalb Essen zu gehen“, verrät der Youngster, während er vor dem noch relativ leeren Regal für ein Foto posiert.

Simpson-Pusey ist erst kurze Zeit in Köln, der Fokus lag auf dem Ankommen im Verein und in der Mannschaft.. „Wir wurden hier mit offenen Armen empfangen“, erzählt er. Eingewöhnt habe er sich schnell, auch weil in der Mannschaft viel Englisch gesprochen wird. „Ich kannte es schon, nicht mehr zuhause zu wohnen. Ich hatte aber erwartet, dass sich das Leben in Deutschland stärker vom Leben in England unterscheidet.“
Die Jugend beim Weltclub
Simpson-Pusey wurde 2005 in Huddersfield geboren. In der Großstadt in West Yorkshire erlernte er auch das Fußballspielen. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Huddersfield ist eine große Gemeinschaft – jeder kennt dort gefühlt jeden.“ Bereits mit acht Jahren empfiehl sich der Youngster für die jüngste Mannschaft von Manchester City. Die Familie blieb zunächst in Huddersfield wohnen und pendelte die rund 35 Kilometer zum Trainingsgelände des Weltclubs. Da er sich bei City durch mehrere Nachwuchsteams spielte, entschieden sich die Eltern dazu, nach Manchester zu ziehen. Mit 16 zog er von zuhause aus und setzte alles auf eine Karte, auch wenn er dafür auf einiges verzichten musste. „Von außen denken viele Menschen sicher, dass man einfach Glück hatte. Es wird aber unterschätzt, wie viel wir vor allem in jungen Jahren unterordnen mussten, um es bis in den Profifußball zu schaffen“, erzählte er. „Du lässt deine Familie und Freunde zurück, verpasst Geburtstage oder andere Feste. Das war nicht immer einfach.“
Simpson-Pusey entwickelte sich zum Toptalent. Er überzeugte erst in der UEFA Youth League und U18 Premier League, später dann auch in der englischen Nachwuchsliga. In der Spielzeit 2024/25 wurde er als Innenverteidiger zum Spieler der Saison gekürt. Auch aufgrund dessen wurde er noch im selben Jahr von Pep Guardiola ins Training der ersten Mannschaft hochgezogen. Ein Glücksfall für den englischen Juniorennationalspieler, der unter dem spanischen Startrainer weitere Schritte machte. „Ich bin unfassbar dankbar, dass ich unter ihm lernen durfte. Man kann es gar nicht richtig beschreiben. Selbst komplizierte Sachen macht er auf seine Weise verständlich“, beschreibt Simpson-Pusey die Arbeit Guardiolas. Am 30. Oktober 2024 gibt der damals 18-Jährige im Pokal gegen Tottenham sein Profidebüt. „Es war ein ganz besonderer Tag. Ich habe nicht wirklich damit gerechnet, eingewechselt zu werden“, blickt er zurück. „Ich saß da und dachte mir: Niemals komme ich heute rein. Erling Haaland saß neben mir auf der Bank.“ Sechs Tage später folgte dann sogar die Startelf-Premiere – ausgerechnet in der Champions League bei Sporting Lissabon.

Nur wenige geben ihr Debüt auf diesem Niveau, sich dauerhaft durchzusetzen, ist noch schwieriger. Während sich viele Bundesligaclubs die Entwicklung junger Talente auf die Fahne schreiben, setzen die finanzstarken Vereine aus der Premier League lieber auf gestandene Profis. „Es ist ein ganz anderes System. In England hast du nochmal deutlich mehr ausländische Spieler.“ In der aktuellen Saison kommen 70,5 Prozent der Premier-League-Spieler aus dem Ausland. Daraus folgt, dass nur 5,8 Prozent der jungen Spieler zwischen 15 und 21 Jahren bei den Clubs bleiben, wo sie ihr Debüt gefeiert haben. „In England wird dir als junger Spieler definitiv weniger Zeit gegeben. Wenn du die Chance hast, musst du dich sofort beweisen“, sagt auch Simpson-Pusey. Für viele junge Engländer ist ein Wechsel alternativlos, in der Regel werden sie zunächst verliehen.
Leihe als Chance
Der FC Chelsea verlieh in den 2010er Jahren rund 30 Spieler pro Saison. Um diesem Trend entgegenzuwirken, verschärfte die FIFA in den letzten Jahren die Regularien. Aktuell dürfen die Vereine nur noch sechs Profis pro Spielzeit verleihen, was jedoch nicht zwangsläufig dazu führt, dass junge Talente mehr Spielzeit erhalten. Vor allem in ambitionierten Clubs auf Champions-League-Niveau bleibt eine Leihe die beste Option, sich auf Profilevel zu beweisen. Deshalb stellen sich die Talente schon auf einen Wechsel ein. „Im letzten Jahr habe ich mich schon ein Stück weit darauf vorbereitet“, erklärt Simpson-Pusey. „Ich wollte den nächsten Schritt in meiner Karriere gehen und mich bei einem Club als Stammspieler etablieren.“
Zu Beginn der aktuellen Saison lieh Manchester City sein Abwehrtalent an den schottischen Meister Celtic Glasgow aus. „Am Anfang brauchte ich etwas Zeit, um anzukommen“, fasste er die ersten Wochen zusammen. „Ich habe mich im Training voll rein gehängt, kam aber trotzdem nicht zum Einsatz.“ In der Liga stand er nur in fünf der insgesamt 19 Partien im Kader. Zum Einsatz kam er lediglich beim 4:0-Sieg im Heimspiel gegen Kilmarnock. „Am Ende muss man sagen, dass es einfach nicht gepasst hat. Ich war nicht glücklich. Ich bin ein Fußballer, ich will spielen.“ Im Wintertransferfenster entschieden sich Simpson-Pusey und Manchester City schließlich dazu, die Leihe an einem anderen Ort fortzuführen.

Sie richteten den Blick nach Deutschland, wo sich in den letzten Jahren bereits mehrere englische Talente zu Topstars entwickelt haben. Jadon Sancho war der erste Export und wurde im Trikot des BVB von Jude Bellingham beerbt. „Sie haben den Weg geebnet – einmal für uns Spieler, aber auch für die Clubs, die sich nun häufiger in England umschauen“, erklärt Simpson-Pusey und hebt hervor: „Jeder junge Engländer wäre glücklich, in der Bundesliga spielen zu können.“ Neben ihm spielen in Jobe Bellingham, Carney Chukwuemeka (beide BVB) und Jarell Quansah (Leverkusen) zurzeit noch drei weitere englische U23-Spieler in der Bundesliga.
Angekommen beim FC
Nachdem er Anfang Januar das erste Mal vom Kölner Interesse gehört hatte, war ihm schnell klar, dass er den Schritt in die Domstadt gehen möchte. „Der FC spielt in einer Top-Liga. Nochmal deutlich über der schottischen Liga. Als ich dann mit den Verantwortlichen gesprochen habe, war mir klar, dass ich diese Chance unbedingt nutzen und nach Köln wechseln möchte.“ Am 6. Januar unterschrieb er seinen Vertrag beim FC. Nur vier Tage später stand er in Heidenheim in der Startelf. „Ich war überrascht, aber auch sehr glücklich, dass ich sofort in der Startelf stand. Mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen. Ich habe endlich das Vertrau en gespürt, das ich mir gewünscht habe.“ Ob es sich anders anfühle, für einen Club zu spielen, an den man nur für kurze Zeit ausgeliehen ist, kann der 20-Jährige nur verneinen: „Sobald du mit den Jungs auf dem Platz stehst, ist das dein Team. Gewinnen oder verlieren – das fühlt sich alles genauso an.“
Das Gefühl beim FC war ein anderes als ein halbes Jahr zuvor in Glasgow. Aufgrund von anhaltenden Verletzungssorgen in der Defensive wurde er sofort gebraucht, was für den Engländer wiederum keine leichte Situation war, wie er später verrät: „Ich habe mir schon mehr Druck gemacht. Die Leute fragen sich bestimmt, warum ich vorher nicht gespielt hatte, habe ich gedacht. Das Gefühl hat sich nach den ersten Einsätzen aber schnell gelegt“, sagt er. Die ersten drei Spiele absolvierte Simpson-Pusey gleich über die volle Distanz. Im ersten Heimspiel durfte er sich gleich mit Topstar Harry Kane messen. Die Partie blieb ihm jedoch wegen der überragenden Stimmung im Kopf.
„Vor dem ersten Heimspiel habe ich mir Videos im Internet angeschaut, um zu schauen, wie die Fans drauf sind. Dann unten auf dem Rasen zu stehen, war nochmal viel krasser“, staunte er über den Support der FC-Fans. Die Stimmung in Deutschland sei nochmal deutlich intensiver als in England, muss er lachend zugeben. Mit der Meinung steht er nicht allein da. „Meine ganze Familie war da. Die wollen jetzt jedes Mal ins Stadion.“ Nach seinem Kaltstart in Heidenheim ist Jahmai Simpson-Pusey in kurzer Zeit schon voll in Köln und beim FC angekommen.
Dieser Text ist zuerst im GeißbockEcho (Ausgabe 3, Saison 2025/26) erschienen. Weitere Hintergrundstorys zum FC lest Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich.
