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Ragnar Ache: Typ und Tore

7.6.2026

Er blickt auf eine starke Debütsaison beim FC zurück. Doch hinter den Leistungen von Ragnar Ache steckt mehr als nur ein ausgeprägter Torriecher. Ein Porträt über einen Stürmer, der sich nach Rückschlägen immer wieder zurückkämpft – mit Wucht, Fleiß und einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Auch neben dem Platz besticht er durch verschiedene Facetten.

Ungeduldig trabt er die Torauslinie entlang. Ein Blick zum Trainer, dann zur Anzeigetafel. 1:0 für die Gastgeber. Die Spieluhr des Regensburger Jahnstadions zeigt die 71. Minute an. Nicht schon wieder. Der 1. FC Köln war in den vergangenen vier Jahren schon zweimal beim SSV Jahn aus dem DFB-Pokal geflogen. Plötzlich geben die Trainer ein Zeichen. In der 74. Minute betritt Ragnar Ache das Feld. Es ist sein erstes Pflichtspiel mit dem Geißbock auf der Brust. Ein Tor muss her. Der FC drängt nach vorne. Nur der Ausgleich will nicht fallen. In der sechsten Minute der Nachspielzeit legt Ache clever per Kopf ab, sodass Eric Martel den Ball frei mit der Brust annehmen kann und ihn anschließend ins linke Eck schießt. 1:1. Statt groß zu jubeln, winkt der Torschütze sein Team zurück. Der FC will mehr. Keine zwei Minuten später fliegt die nächste Hereingabe vor das Tor. Wieder schraubt sich Ache in die Luft, wieder legt er ab. Diesmal auf Isak Johannesson, der den Torwart tunnelt. 2:1. Die Mannschaft rennt vor den wild jubelnden Gästeblock. Ache springt in die Jubeltraube seiner Teamkollegen. Über ihm beugen sich die Fans über die Brüstung der Tribüne und klopfen ihm voller Freude auf die Schulter. Das Spiel ist gedreht. Der FC ist eine Runde weiter.

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Das erste Jahr in Köln beschreibt die Karriere des 27-jährigen Ache. Hinfallen, aufstehen, besser werden. Ein Auf und Ab. Eine Achterbahnfahrt. Die emotionale Atmosphäre ist einer der Gründe, weshalb sich der Stürmer im letzten Sommer für den FC entschieden hatte. „Die Stadt, der Club und die Atmosphäre im Stadion sind einfach geil“, sagt er. „Ich habe bislang nur bei Traditionsvereinen gespielt. Das ist mir bei einem Vereinswechsel schon wichtig.“ In den vergangenen drei Jahren war er in Kaiserslautern und Fürth zu einem der besten und vor allem treffsichersten Stürmer der 2. Bundesliga gereift. Den Umweg über das Unterhaus nahm er, weil er sich zuvor in Frankfurt nicht durchgesetzt hatte. Der Wechsel von seinem Jugendclub Sparta Rotterdam zu einem der besten Clubs der Bundesliga kam für den damals 21-Jährigen noch zu früh. Der in Deutschland geborene Ache wuchs in den Niederlanden auf. Er spielte auf Bolzplätzen, wo er einen seiner engsten Freunde kennenlernte. Damals waren er und Jeffrey Neral nur Bekannte, richtig kennengelernt haben sie sich, als sie 2016 gemeinsam in der zweiten Mannschaft von Sparta spielten. „Dass Ragnar Profi wird, hätten ihm die meisten damals nicht zugetraut. Viele haben an ihm gezweifelt“, blickt Neral zurück. „Er war davon nicht unterzukriegen, er hat immer weitergearbeitet und plötzlich nicht mehr aufgehört, Tore zu schießen.“

Endlich. Ragnar Ache springt höher als die umherstehenden Bayern-Verteidiger. Er erwischt den Ball mit dem Kopf und sieht, wie er im Münchner Tor einschlägt. Der Angreifer schreit seine Freude heraus, während er auf die Osttribüne des RheinEnergieSTADIONs zuläuft. Der 1. FC Köln führt in der zweiten Pokalrunde gegen den Deutschen Meister mit 1:0. Es ist wieder einer dieser magischen Nächte in Müngersdorf. Die Kölner unter den 50.000 Zuschauern toben und jubeln dem Torschützen zu. Es war sein erster Tre er im Trikot des 1. FC Köln. Seit seinem Debüt in Regensburg waren inzwischen mehr als zwei Monate vergangen.

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In diesem Moment fiel die Last der vergangenen Wochen von Ragnar Ache ab. Er hatte viel gearbeitet. Das Spiel gegen die Bayern war erst der zweite Einsatz von Beginn an. In den anderen sieben Partien war er stets eingewechselt worden. Er war nicht fit genug, um zu starten. Das war ihm selbst bewusst. Der Sprung aus der zweiten in die erste Liga ist groß. Das Spiel ist körperlicher und deutlich schneller. Dazu hatte Ache in den vergangenen Spielzeiten immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen gehabt. „Ich wurde für viele Partien fit gemacht. Ich musste oft so schnell wie möglich fit werden, um Spiele zu machen und meiner Mannschaft zu helfen“, erinnert er sich. Dieser Teufelskreis sollte nun durchbrochen werden. Statt viel zu spielen, wurde Ache langsam herangeführt. Er schuftete in Extraeinheiten. Jeden Tag absolvierte er einen Grundlagenlauf und arbeitete zusätzlich nach einem individuellen Kraftplan. Und die Arbeit neben dem Teamtraining trug ihre Früchte. Nach einem intensiven ersten halben Jahr war er so fit wie nie. In der Rückrunde startete er in zwölf der ersten 13 Spiele und schoss dabei sechs seiner sieben Saisontore. Nun war er in der Bundesliga angekommen.

Was war das? Said El Mala schlägt den Ball hoch in die Box. Ache läuft ein. Statt zum Kopfball zu gehen, setzt er zum Fallrückzieher an und schießt den Ball – wie einst Cristiano Ronaldo – perfekt ins Eck. Ekstase und Entsetzen breiten sich in einem Wimpernschlag im Stadion aus. So etwas hat man in Müngersdorf noch nicht gesehen. Auch Hoffenheims Torwart Oliver Baumann kann über die Kölner 1:0-Führung nur staunen. Ache läuft wieder in Richtung der Fans, diesmal lacht er. Er kann es nicht glauben. Sein Körper hatte einfach reagiert, sagte er später. Der Kommentator war sich sofort sicher: Das war das Tor der Saison.

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„Die Sprungkraft hatte ich schon immer“, erzählt er. „Das Timing musst du trainieren, das ist das Wichtigste.“ Bei seinem Kunstschuss hatte er es, das perfekte Timing. Sein Tor ging um die Welt und wurde im Netz millionenfach geklickt. Groß verändert hat sich sein Leben dadurch aber nicht. Er ist niemand, der viel rausgeht. Er ist gerne daheim, spielt mit seinen Freunden auf der Playstation oder liest Mangas. Auf jede Auswärtsfahrt nimmt er mindestens einen Band mit. Als er 2021 für Deutschland an den Olympischen Spielen in Tokio teilnahm, verliebte er sich in das Land. In den meisten Sommerpausen fliegt er nach Japan, gerne würde er dort auch mal leben. Ache lässt sich gerne inspirieren. Er studiert Tänze ein, um sie nach seinen Toren im Stadion zu präsentieren oder sammelt Fotos von Frisuren in einem Ordner auf seinem Handy, die er möglicherweise ausprobieren möchte. In dieser Saison färbte er sich seine Haare erst blond und nach der Saison rot, das hatte er den Fans im FC-Podcast versprochen. Ache liebt es, Fußball zu spielen. Allerdings braucht er auch den Ausgleich. „Ich kann den Fußball nicht den ganzen Tag im Kopf haben“, sagt er. Deswegen hörte er bereits als Jugendlicher auf, andere Spiele zu schauen. Den Stress brauche er nicht, da rege er sich nur auf, erklärt der Stürmer. Auch am Abend des WM-Finals wird er nicht einschalten.

Das darf nicht wahr sein. Ein Sprint. Ein Griff an den Oberschenkel. Ragnar Ache setzt sich auf den Rasen des Hamburger Millerntorstadions. Es läuft die 51. Minute, als die Teamärzte auf das Grün rennen. Wenige Augenblicke später kommt das Zeichen: Wechsel! Ache humpelt in die Katakomben, wo er behandelt wird und die restlichen Minuten der Partie gegen St. Pauli am Handy verfolgt. Bei jedem Ballverlust fängt er an zu schreien. „Jetzt wisst Ihr, weshalb ich keine Spiele schaue“, sagt er und lacht.

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Am nächsten Tag stand die Diagnose bereits fest: Muskelverletzung. Da nur noch vier Partien ausstanden, war damit klar, dass es für einen weiteren Einsatz nicht reichen wird. „Ich habe mich erstmal nur gefragt: Warum jetzt? Ich habe viel gespielt und die Woche vorher noch getroffen. Das war schon sehr nervig“, sagt er und führt aus: „Manchmal deuten sich diese Dinge an. Es zieht ein bisschen im Oberschenkel oder man hat die Nacht vor dem Spiel nicht gut geschlafen. Doch das kam aus dem Nichts.“ Unmittelbar nach einer Verletzung möchte er allein sein, auch wenn die ersten Tage die schwersten sind. „Die erste Woche ist mental schon sehr schwierig. Wenn du danach mit der Reha beginnst, geht das Leben aber wieder weiter.“ Das Spiel beginnt von vorne. Während die Mannschaft längst im Urlaub ist, wird Ache noch in Köln sein und auf dem Trainingsplatz arbeiten. Noch ein Lauf. Noch eine Extraschicht. Denn in drei Monaten steht sie wieder an: Die erste Pokalrunde.

Dieser Text ist zuerst im GeißbockEcho (Ausgabe 4, Saison 2025/26) erschienen. Weitere Hintergrundstorys zum FC lest Ihr hier im geschlossenen Mitgliederbereich.