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Weisweilers Erbe: Wie das Derby zur Legende wurde
Das rheinische Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach gehört zweifellos zu den emotionalsten und traditionsreichsten Derbys im deutschen Fußball. Wenn auch nicht ganz so „alt“, wie beispielsweise das Frankenderby zwischen dem „Club“ und Fürth oder der Ruhrgebietsklassiker Borussia Dortmund gegen Schalke 04, aber nicht minder reich an Geschichten, Anekdoten und Kuriositäten. Am kommenden Samstag (15.30 Uhr) treffen FC und Borussia zum hundertsten Mal in der Bundesliga aufeinander.
Zu Zeiten der Oberliga West, der bis zur Einführung der Bundesliga höchsten Spielklasse, war die Sache eindeutig: von insgesamt 22 Begegnungen ging der FC 17 Mal als Sieger vom Platz, bei nur drei Niederlagen und zwei Unentschieden. Allerdings hatte das Spiel zu jener Zeit, abgesehen von der relativen räumlichen Nähe, kaum bis gar keine Derby-Attribute. Im Gegenteil: in Gesprächen mit Protagonisten der 1950er und frühen 1960er Jahre kam stets eine eher sportfreundschaftliche Beziehung zwischen Köln und Mönchengladbach zum Ausdruck. Richtiges Derby-Gefühl gab es zu jener Zeit auf FC-Seite nur bei den Duellen mit dem Stadtrivalen von der „Schäl Sick“, dem SC Preußen Dellbrück, bzw. dessen Nachfolgeverein Viktoria Köln.
„Vater“ des Derbys: Hennes Weisweiler
Die Transformation von einem, mehr oder weniger, Spiel wie vielen anderen zum weithin bekannten und elektrisierenden, rheinischen Derby entwickelte sich erst in der Bundesliga und ist untrennbar mit Hennes Weisweiler verbunden. Weisweiler gehörte als Spieler zu den Mitbegründern des 1. FC Köln und hinterließ in zwei Amtszeiten als Spielertrainer und Trainer über sieben Jahre lang deutliche Spuren im Club. Allerdings harmonierten FC-Boss Franz Kremer und Hennes Weisweiler nicht wirklich gut miteinander, so dass sich die gemeinsamen Wege im Sommer 1958 zunächst trennten.

Der Fußballlehrer musste seine Liebe verlassen, heuerte zunächst bei Viktoria Köln und ab 1964 bei Borussia Mönchengladbach an. Der Beginn einer Erfolgsstory: Aufstieg in die Bundesliga, drei deutsche Meisterschaften, UEFA-Cup- und DFB-Pokal-Sieger, letzterer nach einem Sieg im legendären 1973er-Endpsiel gegen den FC. Aber wie es mit der Liebe so ist – sie sorgt für überbordende Emotionen und Gefühlschaos. Das Verhältnis zu „seinem“ FC, den er einst mit aus der Taufe gehoben hatte, war zu einer Art „Hassliebe“ geworden. Spiele gegen den Ex-Verein genossen bei Hennes Weisweiler dadurch höchste Priorität, Siege waren sozusagen Pflicht, Niederlagen gegen den FC empfand er als persönliche Schmach.
FC-Sieg im ersten Bundesliga-Derby
Die „Besessenheit“ des Trainers zeigte Wirkung: die zuvor aus FC-Sicht nahezu makellose Bilanz kippte während der gemeinsamen Bundesligajahre deutlich zugunsten des rheinischen Rivalen. Dabei hatte durch Tore von Christian Müller, Hannes Löhr und Karl-Heinz Thielen alles so gut begonnen – der FC gewann das erste Bundesligaduell auf dem Bökelberg am 20. November 1965 vor 35.000 Zuschauern mit 3:2 und blieb auch im Rückspiel (2:2) ungeschlagen. Doch schon 1966/67 wendete sich das Blatt, Gladbach entschied beide Spiele ebenso für sich, wie die kommenden acht Bundesliga-Vergleiche.

Fortan wurde das Spiel auch für die Fans beider Clubs immer wichtiger, seit Jahrzehnten gehört es zu den Highlights jeder Saison. Da kommt es dann auch fast schon zwangsläufig zu Kuriositäten wie in der Nacht vor dem Derby am 2. Oktober 1971, als der unweit eines Pulheimer Hotels geparkte Gladbacher Mannschaftsbus samt Schuhen, Trikots und Trainingsbekleidung verschwand und erst nach dem Spiel in einer Sackgasse in Frechen-Königsdorf wieder aufgefunden wurde. So musste ein Betreuer eiligst nach Mönchengladbach zurückfahren, um am Bökelberg sowie in den Privatwohnungen der Spieler entsprechenden Ersatz zu besorgen. Das Derby endete mit 4:3 zugunsten des FC.
Dramatisches „Fern-Derby“ um die deutsche Meisterschaft
Zur Spielzeit 1976/77 kehrte Hennes Weisweiler ans Geißbockheim zurück und lebte seine Derby-Passion in unveränderter Weise fort – diesmal nur andersrum. Umso mehr nagten die beiden deutlichen Derby-Pleiten während seiner „Rückkehr-Saison“ an ihm. Ein Jahr später spitzen sich die Ereignisse zu: FC und Borussia lieferten sich einen packenden Zweikampf um die deutsche Meisterschaft. Dabei legte das Weisweiler-Team einen Meilenstein auf dem Weg zum Titelgewinn ausgerechnet beim 5:2-Sieg auf dem Bökelberg am 1. Oktober 1977, nicht zuletzt auch dank dem zweifachen Torschützen Dieter Prestin. Das Rückspiel endete vor 60.000 Zuschauern 1:1. Der letzte Spieltag schrieb dann im Rahmen eines „Fern-Derby“ Bundesligageschichte: gleichauf mit je 46:20 Punkten lagen der FC und die Borussia an der Tabellenspitze. Dabei wies der FC (81:41) im Vergleich zu den Gladbachern (74:44) das um zehn Tore bessere Torverhältnis auf.
Entsprechend entspannt reiste der FC zum bereits feststehenden Absteiger FC St. Pauli, der ob des vermeintlich größeren Zuschauerinteresses vom Millerntor in den ungewohnten Volkspark umgezogen war. Auch die Borussia musste zum Saisonfinale gegen Dortmund ausweichen: wegen Bauarbeiten am Bökelberg gastierte man im Düsseldorfer Rheinstadion. Nach 27 Minuten gelang Kapitän Heinz Flohe der erlösende Führungstreffer. Was jedoch (noch) niemand ahnte: Gladbach lag zu diesem Zeitpunkt in Düsseldorf schon mit 4:0 vorne. Bis zur Halbzeit blieb es in Hamburg beim 1:0, Gladbach führte mit 6:0. Am Radio hörten Weisweiler und Co. schließlich von den Ereignissen in Düsseldorf, so dass der Coach seine Mannschaft fortan fast pausenlos von der Seite aus antrieb. Der FC siegte am Ende mit 5:0 und wurde trotz eines schier unfassbaren 12:0-Erfolgs der Borussia zum dritten Mal deutscher Meister.

Von Overath und Netzer zu Risses Tor des Jahres
Zweifellos füllen die vielen Derby-Geschichten ganze Bücher: ob das in den 1970er Jahren prägende Duell der beiden Weltklasse-Spielmacher Wolfgang Overath und Günter Netzer, der 1:0-Siegtreffer von Lukas Podolski am 31. Januar 2004 - zugleich auch das erste Tor im fertiggestellten RheinEnergieSTADION, der ikonische Freistoß zum 2:1-Siegtor in der Nachspielzeit von Marcel Risse am 19. November 2016, der später zum Tor des Monats und zum Tor des Jahres gewählt wurde, das kuriose 4:4 am 20. Oktober 1979, als sich der FC im neben zwei weiteren Partien torreichsten Derby nach einer 3:0-Führung mit einem Punkt begnügen musste oder das in seiner typischen Art erzielte 3:2-Siegtor von Toni Polster in Müngersdorf am 31. Januar 1998, von ihm scherzhaft als „ungelenker Fallrückzieher“ bezeichnet. Und sicherlich wird auch das Derby am kommenden Samstag wieder die ein oder andere Geschichte bereithalten…
